Der Traumberuf
- hoskuldurhauksson
- 23. Feb.
- 2 Min. Lesezeit

Letzte Woche hat mich ein junges Paar im Keller besucht. Sie suchten einen Ort, um ihre Verlobung mit Freunden und Familie zu feiern. Nachdem ich ihnen alles gezeigt hatte, stellte mir die junge Frau plötzlich eine Frage:
„Wie ist es, seinen Traumjob zu haben?“
Ich war einen Moment lang sprachlos. Nicht, weil die Frage ungewöhnlich wäre – sondern weil mir klar wurde, dass ich keine fertige Antwort darauf hatte.
Auf einer Ebene ist es natürlich ein absoluter Traumjob. Es gibt viele instagramtaugliche, fast bilderbuchhafte Momente: ruhige Wintertage beim Rebschnitt unter blauem Himmel, die friedliche Gesellschaft unserer kleinen Ouessant-Schafe, das Vergnügen, ein Glas Wein und ein gutes Gespräch mit einem Freund zu teilen. Aber natürlich ist es nicht nur das. Es ist auch ein ganz normales Geschäft – mit allen Mühen und Frustrationen, die das Führen eines kleinen Betriebs mit sich bringt.
Was bedeutet also „Traumjob“ wirklich?
Wenn man etwas tiefer gräbt, zieht die Frage fast zwangsläufig in Richtung Wert und Sinn. Ich empfinde echte Zufriedenheit darin, möglichst im Einklang mit der Natur zu arbeiten und verantwortungsvoll mit dem Land umzugehen, das ich bewirtschaften darf. Der Rebberg und der Keller sind für mich ein Spielfeld, auf dem ich meinen kreativen Energien Ausdruck verleihen kann.
Ferner ist es mir wichtig, dass unsere Weine mit einem absoluten Minimum an "nicht Trauben" Inputs entstehen. Und es bereitet mir Freude zu wissen, dass das, was ich herstelle, wenn es unter Freunden geteilt wird, ein Gespräch öffnen kann, das sonst vielleicht nie entstanden wäre.
Aber ist das die letzte Wahrheit?
Wenn wir noch tiefer schauen, merken wir, dass all diese Bedeutungen letztlich Geschichten sind. Sie fühlen sich wahr an und sind tief empfunden. Und doch sind es Narrative – Deutungen, an die wir gemeinsam glauben.
Wie der Historiker Yuval Harari immer wieder betont, funktioniert ein grosser Teil unserer Welt über geteilte Geschichten. Nehmen wir die 20-Franken-Note. Ich bin bereit, eine Flasche Wein gegen ein kleines rotes Stück Papier einzutauschen, weil ich darauf vertraue, dass die nächste Person die Note ebenfalls akzeptieren wird. Ihr Wert liegt nicht im Papier selbst, sondern in unserem gemeinsamen Glauben an ihren Wert. Würde dieser Glaube verschwinden, wäre die Note einfach wieder Papier.
Ähnlich verhält es sich – auf subtilere Weise – mit Begriffen wie Karriere, Unternehmen, Erfolg oder eben „Traumjob“. Es sind kollektiv getragene Ideen, die nur existieren, weil wir an ihnen teilnehmen. In gewisser Weise wählen wir alle unsere Geschichten.
Ich entscheide mich zu glauben, dass biodynamisches Arbeiten einen Wert hat.
Ich entscheide mich zu glauben, dass sorgfältige Landwirtschaft zählt.
Ich entscheide mich zu glauben, dass eine geteilte Flasche Wein ein gutes Gespräch vertiefen kann.
Diese Entscheidungen sind nicht zufällig – sie sind geprägt von Erfahrung und Intuition – aber es bleiben Entscheidungen. Es sind Bekenntnisse zu einer bestimmten Art, die Welt zu sehen und an ihr teilzunehmen.
Vielleicht ist ein „Traumjob“ nicht eine Aneinanderreihung perfekter Tage, sondern vielmehr ein Alltag, der im Einklang steht mit der Geschichte, die in unserem Inneren erzählt wird.
In diesem Sinne lade ich dich in meine Welt ein. Teile eine Flasche Wein mit einem Menschen, den du magst, und erkunde dabei die Geschichten und Überzeugungen, die ihr beide in euch tragt – vielleicht wirst du dabei etwas Neues entdecken.
Liebe Grüsse, Hoss



