Es ist Zeit für neue Theorien
- hoskuldurhauksson
- 21. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt ein paar Stellen in meinen Reben, an denen ich immer innehalte.
Ich kann nicht genau sagen, warum. Es sieht dort nichts Ungewöhnliches aus. Die Reben sind dieselbe Sorte, der Boden erscheint gleich. Und dennoch fühlt es sich anders an, dort zu stehen als zwanzig Meter weiter. Besser irgendwie. Ruhiger.
Ich habe das zu einem älteren Kollege erwähnt — halb in der Erwartung, ein höfliches Lächeln zu ernten. Stattdessen hat er genickt. Auch er kennt solche Stellen.
Diese kleine, unwissenschaftliche Beobachtung hat mich nicht losgelassen — und in letzter Zeit beginnt sie sich wie ein Teil einer viel grösseren Frage anzufühlen.
Ich habe Mathematik und Physik studiert, und obwohl ich die Wissenschaft vor vielen Jahren verlassen habe, verfolge ich neue Forschung nach wie vor mit echtem Interesse. Als ich mich vor acht Jahren dem biodynamischen Weinbau zuwandte, gelangte ich langsam zur Überzeugung, dass es Aspekte der Natur gibt, die unsere aktuellen wissenschaftlichen Modelle nur schwer erklären können. Nicht weil die Wissenschaft versagt hat. Sondern weil manche Phänomene nicht vollständig in die Welt der harten Messungen und objektiven Grössen zu gehören scheinen. Sie sind irgendwie erfahrungsbasiert — eher gespürt als gemessen.
Um zu verstehen, warum das von Bedeutung ist, lohnt es sich, etwas weiter zurückzugehen.
Im 17. Jahrhundert trug René Descartes zu einem der grossen Wendepunkte des westlichen Denkens bei. Er trennte Subjekt von Objekt, Geist von Materie, Beobachter vom Beobachteten. Die Wissenschaft wurde zunehmend zum Studium dessen, was sich objektiv messen lässt — und das war ausserordentlich erfolgreich. Sie erschloss Physik, Chemie, Ingenieurwesen und das moderne technologische Zeitalter.
Aber es gab einen verborgenen Preis: Die Wirklichkeit wurde auf das rein Physische und objektiv Beobachtbare reduziert. Was sich nicht messen liess, wurde stillschweigend beiseitegelegt.
Jede Epoche glaubt, die Welt endlich verstanden zu haben. Und jede Epoche entdeckt schliesslich, dass sie es nicht hat.
Die Newtonianer glaubten, der Kosmos sei mechanistisch und vollständig erklärt — bis Einstein und die Quantenphysik kamen und die Regeln von Raum, Zeit und Materie von Grund auf neu schrieben. Und wieder einmal glaubten wir, die Wirklichkeit zu verstehen.
Aber nun beginnen die Ränder erneut zu franseln.
Interessanterweise deuten die faszinierendsten offenen Fragen alle auf dieselbe Lücke hin: den Ausschluss des subjektiven Erlebens aus unserem Weltbild.
Man denke an das Bewusstsein — vielleicht das tiefste ungelöste Rätsel der heutigen Wissenschaft. Vergleicht man ein menschliches Gehirn mit einer KI auf einem Computer: Beide können Gedichte schreiben oder über Philosophie sprechen. Beide gehorchen den Gesetzen der Physik. Aber im Computer gibt es nur Prozesse und Signale. Im Menschen gibt es zusätzlich ein gefühltes inneres Erleben. Wie entsteht das? Warum gibt es überhaupt eine innere Welt?
Denker wie David Chalmers, Christof Koch, Roger Penrose und Robin Carhart-Harris haben ihre Karriere dieser Frage gewidmet — ohne abschliessende Antwort. Oder man denke an Chi in der chinesischen Medizin, an Prana in der ayurvedischen Tradition — Phänomene, für die wir kein allgemein anerkanntes wissenschaftliches Rahmenwerk haben, weil uns schlicht die Instrumente fehlen, sie objektiv zu messen. Und doch erlebt fast jeder, der sich ernsthaft mit diesen Praktiken beschäftigt, etwas unmittelbar im eigenen Körper.
Es fühlt sich an, als ob wir uns einem neuen „Einstein-Moment" nähern könnten — einem Punkt, an dem eine grundlegend neue Theorie entsteht, die nicht nur die messbare Welt erklären kann, sondern auch jene Erfahrungsdimensionen, die sich in unsere heutigen Modelle nicht bequem einfügen lassen.
Was mich zurück in den Rebberg führt.
Und zu einem Abendessen, das ich kürzlich mit zwei Freunden teilte, die beide hocherfahrene professionelle Weinverkoster sind. Ich fragte sie, ob sie glaubten, einen biodynamischen Wein blind erkennen zu können.
Sie glaubten es.
Nicht weil die Weine notwendigerweise anders schmeckten. Sondern weil die Energie der Weine sich anders anfühlte.
Ihre Worte, nicht meine.
Ich sitze seither mit diesem Gedanken. Ich denke an die Stellen im Rebberg, an denen ich immer innehalte. Ich denke an die Bauern, die nicken, wenn ich davon erzähle. Ich denke daran, ob die Weine, die von jenen Stellen meines Landes stammen, wo ich mich am wohlsten fühle, etwas von dieser Ruhe ins Glas mitbringen.
Vielleicht ist Geschmack gar nicht das richtige Wort für das, was wir wahrnehmen.
Vielleicht ist es etwas ganz anderes — und wir haben bloss noch keine Theorie, um es zu benennen.



