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Wein, der wieder schmeckt, wie er sollte

  • hoskuldurhauksson
  • 29. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Mitten in meinen Chardonnay-Reben stehend, den Schlauch in der Hand, zum dritten Mal in diesem Sommer am Wässern — der vierte Tag in Folge —, schweiften meine Gedanken ab zu einem Besuch, den ich vor einiger Zeit bei einem befreundeten Winzer im Tessin gemacht hatte.


Man wird es dir verzeihen, wenn du noch nie von Tankred Götsch gehört hast. Wenn du aber ein Agroforst-Nerd bist, kennst du vielleicht seinen Vater, Ernst Götsch — den Begründer der syntropischen Landwirtschaft, einer regenerativen Methode, bei der viele verschiedene Arten eng beieinander wachsen. Die ganze Geschichte der syntropischen Landwirtschaft wäre einen eigenen Newsletter wert; heute möchte ich dir nur von einer Sache erzählen, die mir Tankred gezeigt hat.


Auf seinem eigenen Weinberg in Mergoscia hat Tankred eine alte Art des Rebenanbaus wiederbelebt: nicht am Drahtspalier, sondern an einem lebenden Begleitbaum hochrankend. Rebe und Baum werden jeden Winter gemeinsam zurückgeschnitten und für die nächste Saison zurückgesetzt. Vor einigen hundert Jahren war das schlicht die übliche Art, Reben zu ziehen. Die Italiener nennen es vite maritata — die verheiratete Rebe.


Tankred nahm mich mit zu einem alten Weinberg in der Nähe, in dem etwa 90% der Reben längst abgestorben waren. Was mich beeindruckte, waren die verbliebenen 10%: Jede einzelne von ihnen rankte an einem Baum hoch. Irgendwie hatte die Partnerschaft mit dem Baum sie am Leben gehalten, lange nachdem ihre Nachbarn am Draht schon aufgegeben hatten.


Und da stand ich nun, allein inmitten meiner eigenen jungen, adretten Monokultur, zum dritten Mal in diesem Sommer beim Wässern, und die Absurdität meiner Lage durchdrang mich völlig. Die Weinrebe ist schliesslich eine Waldrandpflanze. Sie hat sich nicht entwickelt, um an Draht zu klettern — sondern um an Bäumen hochzuranken. Jedes Spalier, das wir seither für sie gebaut haben, ist im Grunde ein Workaround.



Gesundheit und Langlebigkeit der Reben liegen natürlich jedem Winzer am Herzen, aber vielleicht noch wichtiger ist, wie die Bäume den Geschmack des Weins beeinflussen. Der Baum wirkt sich auf die mikrobielle Zusammensetzung des Bodens aus. Diese wiederum beeinflusst, welche Mineralien die Mikroben an Bäume und Reben weitergeben — und genau diese Mineralien sind die Bausteine des Geschmacksprofils des Weins.


Wir haben bereits eine Reihe von Bäumen in unseren Weinbergen gepflanzt, und wir planen, ihre Zahl im kommenden Winter deutlich zu erhöhen. Keine Monokulturen mehr! Ich freue mich darauf, dir den Wein aus diesen «Waldweinbergen» schon bald vorstellen zu können.

 
 

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